Was ist los – in unserem Partnerschaft-Bistum Banja Luka?

150.000 Menschen pro Jahr verlassen das Land Bosnien und Herzegowina. So die offizielle Angabe seitens der Politik. Inoffiziell sind es noch mehr. Das Land mit ursprünglich 4 Millionen Einwohnern wird entvölkert, weil dort der Friede nach dem Krieg zwischen 1992 und 1995 kein Zuhause hat, ethnische Säuberung an den Kroaten weiterhin durchgesetzt wird, die Demokratie und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Und die Welt schaut zu, wie Korruption, Ignoranz und Arroganz die Politik und somit das Leben der Menschen dieses Landes bestimmen.

Täglich erhalte ich Hilferufe aus diesem Land, weil man von unserer Partnerschaft mit dem Bistum Banja Luka weiß. Menschen rufen nach uns und bitten um Unterstützung. Sie gehen täglich um 18 Uhr in die Innenstadt, um dort für Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechte zu demonstrieren. Gerechtigkeit vor allem für David Dragicevic und seine Eltern. David war ein junger Student und wurde im März des letzten Jahres von der staatlichen Polizei erschossen, weil er mehr Demokratie und Freiheit für die Menschen des Landes gefordert hat. Der Staat leugnet die Tat. Die Eltern mussten inzwischen aus dem Land fliehen, da sie sich dort nicht mehr sicher fühlen. Ihr Sohn wurde am 13. März in Wien exhumiert, als Grundlage für eine juristische Klärung der Todesursache. Viele Frauen und auch Kinder nehmen an den täglichen Demonstrationen teil. Großmütter wurden von der Polizei massiv mit Knüppeln geschlagen, als sie ihre Enkelkinder in der friedlichen Demonstration schützen wollten. Sie suchen auch in Kirchen Schutz. Ich habe die erhaltenen Hilferufe an den Bischof von Banja Luka, Bischof Franjo Komarica, weitergeleitet. „Wir sind selbstverständlich für alle Menschen da“, betonte er und erklärte, dass die Demonstranten in dieser Lage auf die Priester ihrer jeweiligen Gemeinde zugehen sollen.

Inzwischen melden sich auch Kroaten aus München und Österreich bei mir. Dazu gehört auch der Kroatische Schriftstellerverband. Alle bitten uns um Solidarität mit den unterdrückten Menschen.

Es wird vielen immer klarer, dass die Missachtung der Menschenrechte mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien seinen Anfang nahm, der den Hass zwischen den ethnischen Gruppen mit Erfolg säte. Bischof Komarica hatte davor gewarnt, dem Kriegstreiben der politischen Mächte zu folgen. Was mit den Katholiken als Minderheit geschah – Tötung, Vertreibung, Mord an Priestern, Ordensschwestern, Enteignung, Kirchenzerstörung und weiteres mehr – werde der Menschen verachtenden Politik Vorschub leisten. Das ist jetzt eingetreten.

Wie können wir als Pfarrgemeinde auf diese Hilferufe reagieren? – Zunächst einmal damit, dass sich jeder zunächst einmal persönlich für die Menschen und ihre Lebensumstände in diesem Land interessiert. Vielleicht sehen wir auch eine Möglichkeit der Hilfe durch unser Gebet. Ganz konkret werden wir – besonders mit Jugendlichen – eine Foto-Ausstellung gestalten, in der die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, Demonstrationen und die ethnische Säuberung an den Katholiken in diesem Land gegenüber gestellt wird. Drei unabhängige Journalisten stellen uns hierfür ihre Fotos zur Verfügung. Eigene Fotos kommen hinzu. Am 11. Mai, 16 Uhr, wird die Ausstellung im MOMENTUM, im Pfarrhaus Steinhude, eröffnet, wozu wir Sie schon heute herzlich einladen. Innerhalb dieser Ausstellung wird auch das Hilfswerk RENOVABIS sowie KIRCHE in NOT sein Engagement in diesem Land vorstellen.

Kurz vor seiner Tötung hat der Student David Dragicevic (1997–2018) ein persönliches Gebet verfasst, das hier Platz finden soll, stellvertretend für die vielen Gebete, mit denen sich Menschen in ihrer Not an Gott wenden.

Winfried Gburek

Vater unser im Himmel,
erlöse unsere Seelen von dem Bösen
und bring uns den Frieden und den Himmel auf Erden.
Vergib den Schuldigern und segne die Unschuldigen.
Bereinige den Planeten von dem Schrecken, den wir schufen,
und erlaube ihm zu genesen.

Befreie unsere Herzen und unseren Geist von dem Hass,
damit sie eins werden können.

Vater unser im Himmel,
dessen Namen ich in den Gebeten rufe, segne mich für die Zukunft,
in der ich diesem Land viel bringen werde.

Ich danke Dir, Gott, dass du bei mir bist, achte und schaue auf mich.
Hilf mir, meine Ängste zu überwinden,
damit sie mich nicht durch das Leben verfolgen.
Lass Dein und mein Herz im Einklang schlagen
und nie getrennt werden.

Vater unser im Himmel,
ich danke Dir für das Leben und das Glück, das Du uns bringst,
und ich danke Dir für die Trauer, weil danach die Sonne noch heller scheint.

Amen